Darmstadt Ost: Beide Bahnsteige modernisiert
"Darmstädter Schandfleck" ist Fahrradstation

BauschildEin Erdhaufen vor dem Darmstädter Ostbahnhof und fünf Spaten mit roten Stielen für den symbolischen ersten Spatenstich – das waren am 27.11.2005 die äußeren Anzeichen für die Modernisierung des Hausbahnsteiges (am Gleis 1) im Bahnhof Darmstadt Ost. Danach wurde immerhin ein Bauschild aufgestellt. Mehr als vier Monate später begannen am 10.04.2006 endlich die Bauarbeiten am Hausbahnsteig. Angekündigt waren sie bereits - laut dem zweiten Infobrief zur neuen Odenwaldbahn - für Dezember 2005. Im Rahmen der Maßnahme wurde der Bahnsteig auf 120 Meter Nutzlänge zurückgebaut. Außerdem wurde er um 55 Zentimeter angehoben, damit Rollstuhlfahrer, Mütter mit Kinderwagen oder Gehbehinderte bequem in die Züge ein- und aussteigen können. Zusätzlich gibt es ein neues Wegeleitsystem (Beschilderung), neue Wartehäuschen und eine neue Beschallungsanlage zur Fahrgastinformation.

Neuer BahnsteigBlick auf den neuen Bahnsteig (links)

Neuer Zugang zum HausbahnsteigDie beiden Fahrscheinautomaten - einen Automaten des RMV und einen Automaten für Fahrkarten des Fernverkehrs - befinden sich jetzt am neuen Zugang zum Hausbahnsteig. Der geplante Zeitplan konnte letztlich fast eingehalten werden - die Bauarbeiten wurden kurz nach dem angedachten Termin 30.06.2006 praktsich abgeschlossen. Nur kleinere Restarbeiten standen noch an und die neue Beschallungsanlage ging erst später in Betrieb. Insgesamt kostete die Modernisierung des Hausbahnsteiges rund 330.000,-- €. Der Bahnhof Darmstadt Ost ist damit vollständig auf neuen Nahverkehrsstandard gebracht. Leider ist die Beschilderung teilweise verwirrend. Wer (siehe Bild unten) dem Hinweis zu Gleis 1 nach Rechts folgt, der landet im Grünen. Richtig wäre der Hinweis zum Gleis 1 nach links. Ein Gleis 3 gibt es seit 1982 am Ostbahnhof nur noch für die Sonderzügen zum Bessunger Forsthaus, aber nicht für den regulären Zugverkehr. Warum man den offiziellen Spatenstich fast fünf Monate vor dem Beginn der Bauarbeiten feierte, wird das Geheimnis der Verantwortlichen bleiben.

Der Bahnsteig am Gleis 2 (siehe Bild unten) wurde bereits mit der Wiedereröffnung des zweiten Gleises zwischen Darmstadt Ost und Darmstadt Nord modernisiert. Seit dieser Zeit müssen am Gleis 2 ein- und aussteigende Fahrgäste durch die - damals ebenfalls neugebaute - Unterführung laufen. Dies hat den Vorteil, dass bei Zugkreuzungen zwei Züge gleichzeitig in den Ostbahnhof einfahren können. Zwar sind beide Bahnsteige mittlerweile saniert, der Bahnhofsvorplatz ist jedoch weiterhin in einem erbärmlichen Zustand. An beiden Haltestellen der Regionalbusse fehlen Unterstellmöglichkeiten und Sitzgelegenheiten. Ob und wann sich am Umfeld des Bahnhofes und am erbärmlichen Zustand des Empfangsgebäudes etwas ändert, steht in den Sternen. Seit der Modernisierung der Bahnsteige ist das Empfangsgebäude geschlossen.

24.07.2008 - Ostbahnhof als Darmstädter Schandfleck
SPD für bürgerschaftliche Nutzung des Gebäudes
Russisch-Orthodoxe Gemeinde hat ebenfalls Interesse am Kauf des Bahnhofgebäudes

Aufgrund des erbärmlichen Zustandes des Bahnhofsgebäudes hat das Darmstädter Echo - zu Recht - den Bahnhof als einen der Darmstädter Schandflecke bezeichnet. Wie die Zeitung in ihrer Ausgabe vom 02.06.2007 berichtet, will die DB den Bahnhof verkaufen. Die Stadt Darmstadt hat hierbei ein Vorkaufsrecht. Seit Februar 2008 führt eine DB Tochter Verkaufsgespräche mit der Stadt. 250.000,-- € will die DB für das Bahnhofsgebäude haben. Gegenüber dem Darmstädter Echo vom 24.07.2008 fordert der SPD Ortsverein Gervinus einen Kauf des Gebäudes durch die Stadt und daran anschließend eine kulturelle und bürgerschaftliche Nutzung des Gebäudes. Dieses sei eine Perle, aber ohne Glanz. Vorstellen könnte sich die SPD auch eine Umbenennung des Bahnhofs in Darmstadt Mathildenhöhe. Der Bahnhof könnte somit zum Zielbahnhof vobn Touristen werden, die Darmstadts Stadtkrone (Mathildenhöhe mit Hochzeitsturm und Russischer Kapelle und die Rosenhöhe) entdecken wollen. Den schönen Plänen steht derzeit jedoch die Darmstädter Haushaltslage entgegegen.

Wie das Darmstädter Echo am 18. August 2008 berichtet, hat auch die russisch-orthodoxe Kirche Interesse am Kauf des Ostbahnhofs. Michael Bognár, Berater und Sprecher der russisch-orthodoxen Gemeinde, spricht gegenüber der Zeitung von dem Erwerb der Immobilie als einem „Traumziel“ für die Gemeinde „seit einigen Jahren“. Hintergund ist das stürmische Wachstum der Kirchengemeinde.

Klaus Honold (Darmstädter Echo) schreibt am 02.06.2007:
Darmstädter Schandflecke - Abschied vom Ostbahnhof

Heute geht es um einen „Schandfleck“, der nicht nur ärgerlich, sondern besonders traurig macht: um den Ostbahnhof. Gewiss, es gibt Gebäude in der Stadt in noch schlimmerem Zustand. Dies jedoch ist der älteste erhaltene Bahnhof Darmstadts, einer Stadt, in der die Eisenbahn einstmals der größte Arbeitgeber war. Die Bedeutung ergibt sich aus der Architektur ebenso wie aus der Nachbarschaft zum großherzoglichen Park Rosenhöhe. Einer Legende zufolge soll die Station stilistisch an russische Datschen erinnern – als Geste gegenüber den großherzoglichen Verwandten in der Zarenfamilie.

Seine größte Bedeutung hatte der Ostbahnhof freilich als Schleuse zwischen Land und Stadt. Hier strömten die Menschen herein, die in den Fabriken der Stadt Arbeit fanden: Ohne die Odenwaldbahn wäre Darmstadt im 19. Jahrhundert nicht so sprunghaft gewachsen. Am Wochenende ging’s in umgekehrter Richtung. Und 1944 flohen über den Ostbahnhof Zehntausende ausgebombter Darmstädter in die Dörfer.

Die Station wurde 1869 errichtet: als langgestreckter Fachwerkquader mit flachen gekreuzten Satteldächern. Im Parterre waren Empfangsräume und Fahrkartenschalter untergebracht, im Obergeschoss, dessen Fassaden vollständig verbrettert sind, Wohnungen für Bahnbedienstete. Die romantisch-ländliche Anmutung, die sich aus Fachwerk und kunstvollem Lattenschmuck ergibt, ist ein Markenzeichen der Odenwaldbahn, deren Bahnhöfe nicht typisiert waren, sondern allesamt individuell gestaltet wurden. Ähnlich war auch der imposante Bahnhof Nieder-Ramstadt-Traisa gestaltet, der 1976 abgerissen wurde. Zuvor diente er der Firma Faller noch für einen Modelleisenbahnhof als Vorbild.

Der Ostbahnhof ist heute nur ein kläglicher Rest der ursprünglichen Anlage. Anfang der siebziger Jahre wurde der charakteristische Stellwerksturm am Eingang zum Park Rosenhöhe entfernt, und einige Zeit später brannte der schöne Fachwerk-Güterschuppen an der Erbacher Straße ab. Dort breitete sich später das Baustofflager Held aus. Das Empfangsgebäude selbst war, obwohl immer mehr verwahrlost, noch bis vor kurzem in Betrieb. In den neunziger Jahren wurden sogar noch Billetts verkauft.

Heute ist alles verrammelt und verrottet – obwohl die Station immer noch besetzt ist, von hier vorläufig noch Schranken und Signale bedient sowie Züge abgefertigt werden. Die Empfangshalle aber darf wegen Baufälligkeit nicht mehr passiert werden. Auch an die alte Herrlichkeit der einst im ganzen Osten Darmstadts berühmten Bahnhofskneipe erinnert nichts mehr – außer der sinnlos gewordenen Bierreklame über dem ehemaligen Eingang.

Der Ostbahnhof steht unter Denkmalschutz – wie alle Darmstädter Bahnhöfe. Bislang hat sich die Bahn stets darüber hinweggesetzt, wenn sie Immobilien loswerden wollte. Der Poststeg am Hauptbahnhof verschwand ebenso wie der Arheilger Bahnhof, und auch der markante Wasserturm in der Bismarckstraße wäre trotz Denkmalschutz niedergelegt worden, hätte ihn Obo nicht gekauft und restauriert.

Inzwischen handelt die Bahn nicht mehr ganz so hemdsärmlig wider öffentliche Interessen. Doch es ist klar: „Wir wollen die Bahnhöfe loswerden, so schnell wie möglich“, sagt Bahnsprecher Hartmut Lange. Die Stadt habe Vorkaufsrecht, wird es aber, so Dezernent Dieter Wenzel, nicht wahrnehmen – obwohl nach dem Bau der Osttangente hier eine „Verkehrsdrehscheibe“ zwischen Bahn und Bus mit einem völlig neu gestalteten Vorplatz geplant ist.

Beim Ostbahnhof gebe es „erste Gespräche mit privaten Kaufinteressenten“. Nikolaus Heiss vom Darmstädter Denkmalschutzamt, das einer Nutzungsänderung zustimmen muss, bestätigt dies. „Gaststätte, Büro, Wohnungen“, sowas könne im Empfangsgebäude Platz finden. „Hauptsache, es bleibt in seiner äußeren Erscheinung unangetastet.“ Womit natürlich nicht die jetzige Erscheinung gemeint ist. Die aber wird sich vor einem Verkauf nicht verbessern. Bahnsprecher Lange: „Wir werden in die Gebäude nichts mehr investieren.“ Dass dagegen der Hauptbahnhof mit so vielen Millionen vorbildlich saniert wird, sei „allein die Folge von Zuschüssen. Das ist nicht Bahngeld. Das zahlt der Bund.“

Die rigide Haltung der Bahn entspricht freilich dem, was ihr die Politik seit 1994 auferlegt hat. „Eine kulturelle Verpflichtung sehen wir für uns nicht“, sagt Lange. Es geht allein darum, als Unternehmen Gewinn zu machen und börsenreif zu machen. Bei Südbahnhof und Nordbahnhof übrigens, beide zwischen 1909 und 1912 von Friedrich Mettegang im Stil klassizistischer Villen errichtet, dürfte ein Verkauf schwer fallen – werden die Gebäude doch als Zugang zu den Bahnsteigen benötigt. Züge sollen ja weiter fahren. Die Bahnhöfe aber werden solange vergammeln, bis sie nicht mehr zu retten sind.

Zug der VIAS im Bahnhof05.04.2007 - VIA 84575 nach Eberbach auf Gleis 1 in Darmstadt Ost
Die einzige Verbindung, die (zumindest bis Wiebelsbach) im Jahr 2007 mit drei Itinos gefahren wird.

Dezember 2009: Kein Fortschritt

Mittlerweile ist über ein Jahr vergangen. Passiert ist seitdem nichts. Der Vorplatz ist noch immer in einem erbärmlichen Zustand und das Empfangsgebäude verfällt immer mehr. Der Umbau des Vorplatzes zu einer Nahverkehrsdrehscheibe wird aufgrund der Finanzlage der Stadt Darmstadt in nächster Zeit nicht realisiert werden können. Fest steht nur: Es wird keine Straßenbahn von der Stadtmitte zum Ostbahnhof geben. Das Projekt - welches für die Fahrgäste der Regionalbusse aus dem Ostkreis einen Umsteigezwang kurz vor der Stadtmitte bedeutet hätte - scheiterte zum Glück an einer negativen Kosten-Nutzen Analyse.

Darmstadt OstbahnhofEndlich tut sich was am Ostbahnhof: Am 13.10.2010 sind erste Sanierungsarbeiten erkennbar.

Oktober 2010: Bahnhof soll zur Fahrradstation werden

Im Oktober 2010 gibt es dann endlich Neuigkeiten: Der Bahnhof ist an den Investor Murat Karakaya verkauft worden. Dieser will die Station denkmalgerecht sanieren und gewerblich nutzen. Im Frühjahr 2011 soll ein Fahrradladen einziehen, der das komplette Erdgeschoss einschließlich des Gaststättenanbaus belegt - zirka vierhundert Quadratmeter. Im Obergeschoss könnten Büros unterkommen, denkbar wären auch Ateliers. Wohnraum soll aber nicht entstehen. Darmstadts Denkmalpfleger spricht von einer großartigen Chance für das Bahnhofsgebäude.

Januar 2011: Es steht ein Gerüst...

Darmstadt Ostbahnhof... und wie der Investor gegenüber dem Darmstädter Echo vom 20.01.2011 sagt, könnte im Frühjahr/Frühsommer das Fahrradgeschäft einziehen.

Darmstadt OstbahnhofEs war einmal: Die Sanierungsarbeiten lassen ungewohnte Einblicke zu. Aufgenommen am 08.01.2011

Die Stadt wird übrigens den heruntergekommenen Bahnhofsvorplatz von der Bahn kaufen. Unklar ist jedoch, wie der Platz gestaltet und diese Gestaltung finanziert werden kann. Vorerst bleibt es also beim derzeitigen erbärmlichen Zustand.

Anfang Juni 2011: Fahrradgeschäft eröffnet

Mittlerweile ist das Fahrradgeschäft im sanierten Ostbahnhof eröffnet. Der Ostbahnhof selbst ist ansehnlich saniert worden. Restarbeiten sind noch im inneren des Gebäudes und von der Bahnsteigseite aus zu erledigen.

Darmstadt OstbahnhofBlick auf das neue Fahrradgeschäft mit Kundenparkplatz. Aufgenommen am 04.06.2011.

Darmstadts Denkmalpfleger zeigt sich von der Sanierung des Ostbahnhofs begeistert - und auch den Fahrgästen bietet sich jetzt ein ahnsehnliches Gebäude. Einen warmen Warteraum für Fahrgäste sucht man freilich im neuen Ostbahnhof vergebens. Auf den Zug wartet man - wie bisher schon auch - im Freien. Die aufgestellten Wartehäuschen sind jedoch vor allem im Berufs- und Schülerverkehr viel zu klein. An der Regionalbushaltestelle stadteinwärts gibt es auch weiterhin kein Wartehäuschen.

Darmstadt OstbahnhofBlick auf den sanierten Ostbahnhof. Aufgenommen am 04.06.2011.

Stand: 14.06.2011

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