10.12.2005 - Letzter Betriebstag der DB Regio - Ein Stück Geschichte geht zu Ende - Darmstadts leiser Abschied von der Eisenbahn

Mit RB 36449 von Darmstadt (ab 20.45 Uhr) nach Erbach ging am Samstag Abend - 10.12.2005 - der letzte Betriebstag der Deutschen Bahn (DB Regio) auf der Odenwaldbahn zu Ende. Der letzte VT 628 verabschiedte sich mit einem lauten langgezogenen Hupsignal aus Darmstadt Hauptbahnhof. Die Mitarbeiter der DB Regio protestierten mit Zetteln "Nach 134 Jahren, 11 Monaten und 350 Tagen werden - auf Wunsch der Poltik - die Personenverkehrsleistungen nun durch andere erbracht. Es trauern 150 Eisenbahner, Wähler, Familienväter um ihren Arbeitsplatz" und bedankten sich bei den Fahrgästen für das "Vertrauen und das Verständnis in all den Jahren". Auch am Montag kam es noch zu einer kurzen Protestaktion im Bahnhof Wiebelsbach.

Schon den ganzen Tag über waren viele Eisenbahnfreunde entlang der Strecke unterwegs, um letzte Fotos zu schießen, oder noch einmal mit den so vertrauten Zügen zu fahren.

Am Abend wurde dann vielerorts der DB Regio und den eingesetzten Fahrzeugen ein würdiger Abschied bereitet. So spielte im Darmstädter Hauptbahnhof eine Blaskapelle, als sich um 17.38 Uhr der letzte von einer Diesellok der Baureihe 218 gezogene Zug auf den Weg in den Odenwald machte. In Babenhausen wurde um 20.12 Uhr mit Tränen in den Augen und einem Feuerwerk aus Wunderkerzen der letzte VT 628 nach Wiebelsbach-Heubach verabschiedet.

Was bleibt, sind Erinnerungen an schöne und manchmal auch weniger schöne Erlebnisse auf der Odenwaldbahn und natürlich ein herzliches DANKE an alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der DB Regio und ihrer Vorgänger für den Dienst auf der Odenwaldbahn.

Beschäftigte der Deutschen Bahn sind die Verlierer

Mit der Übernahme des Fahrbetriebes durch die VIAS GmbH am 11.12.2005 verloren rund 100 Mitarbeiter der Deutschen Bahn ihren Arbeitsplatz. Dies betraf nicht nur Triebfahrzeugführer (Lokführer) sondern auch Zugbegleiter, Werkstattarbeiter und Verwaltungsangestellte. Die Verantwortlichen für die neue Odenwaldbahn brüsten sich gerne mit den neuen Arbeitsplätzen bei der VIAS. Verschwiegen werden dabei die Arbeitplatzverluste bei der Deutschen Bahn. Letztlich sind dann wohl rund 50 bis 55 Arbeitsplätze verloren gegangen.

BR 218So war es einmal - Baureihe 218 bei Traisa

Als Dank für oftmals jahrzehntelange Arbeit im Schichtdienst mit teilweise veraltetem Lok- und Wagenmaterial wurde ein Teil der Lokführer in den Vorruhestand geschickt. Die Weiterbeschäftigten verzichten in einer mit der Gewerkschaft ausgehandelten Betriebsvereinbarung auf einen Teil Ihres Lohns, damit möglichst viele Kollegen ihren Arbeitsplatz behalten können. Auch das ein toller Dank. Statt auf der Odenwaldbahn werden die verbliebenen Lokführer von Ludwigshafen aus auf Strecken in der Pfalz eingesetzt. Die auf der Odenwaldbahn eingesetzten Loks sollten bis 2007 über das ganze Bundesgebiet verteilt werden.

24.03.2006 - Was machen eigentlich die ehemaligen Zugführer der DB Regio?

Fast vier Monate ist es jetzt her, dass die VIAS GmbH den Fahrbetrieb auf der Odenwaldbahn übernommen hat. Das Schicksal der Mitarbeiter der DB Regio hat die politisch Verantwortlichen - und auch die Öffentlichkeit - nicht sonderlich interessiert. Das Odenwälder Echo hat in seiner Ausgabe vom 24.03.2006 einen Bericht über die derzeitige Lage der ehemaligen Zugführer der DB auf der Odenwaldstrecke veröffentlicht, den Sie nachstehend finden.

Das Odenwälder Echo schreibt zur Situation der ehemaligen Zugführer der Odenwaldbahn:
Zwölf Männer konnte die Vias GmbH aus der Arbeitslosigkeit retten und als Zugfahrzeugführer auf der neuen Odenwaldbahn beschäftigen. Doch wo sind die ehemaligen Zugführer untergekommen, die zu Zeiten der Deutschen Bahn auf der Strecke von Eberbach nach Darmstadt eingesetzt waren?

"Verhandlungen mit den neuen Betreibern hat es schon gegeben", sagt Jürgen Hamann, ein ehemaliger Lokführer der Odenwaldbahn. Er ist jahrelang auf der Strecke gefahren. Bis die neue Betreiberin kam. „Die Vias wollte wesentlich weniger zahlen", erinnert sich der 49 Jahre alte Hetzbacher. Insgesamt 35 Arbeitsplätze als Zugführer hatte die Deutschen Bahn auf der Odenwaldstrecke im Einsatz. Knapp hundert weitere Angestellte waren insgesamt am Streckenbetrieb beteiligt. Jürgen Hamann und 19 seiner Kollegen fahren nun in Ludwigshafen auf den Stecken zwischen Kaiserslautern und Osterburken sowie zwischen Speyer und Karlsruhe. Weitere 15 Lokführer sind in Frankfurt und Umgebung unterwegs. „Alle ohne Familie sind umgezogen", sagt Hamann. Nur gut jeder Dritte der versetzten Lokführer ist im Odenwaldkreis wohnen geblieben – und fährt nun täglich eineinhalb Stunden zur Arbeit und zurück.

„Die Arbeitszeit ist dadurch gewachsen. Viel bleibt da nun nicht mehr für Freizeit übrig", sagt der Odenwälder Zugführer. Ihm ist jedoch bewusst, dass viele andere Arbeitnehmer ebenfalls einen weiten Weg zu ihrem Arbeitsplatz auf sich nehmen. Doch für ihn ist es eine Umstellung. Nach 22 Jahren auf der Odenwaldstrecke tut es ihm schon weh, auf einer anderen Strecke eingesetzt zu werden.

„Wir sind von den Kollegen in Ludwigshafen ganz herzlich aufgenommen worden", erinnert sich Jürgen Hamann an die ersten Tage auf seiner neuen Route. Das hat ein wenig über den Umstellungsschmerz hinweggeholfen. „Doch es ist nicht mehr dasselbe", so Hamann.

Bereits am 25.03.2006 hat die OREG - als für den Nahverkehr im Odenwald verantwortliche Gesellschaft - auf den Artikel reagiert und auf die Neueinstellung von Triebfahrzeugführern durch die VIAS hingewiesen.

Darmstadts leiser Abschied von der Eisenbahn

Mit der Übernahme des Fahrbetriebes auf der Odenwaldbahn durch die VIAS GmbH verloren nicht nur rund 100 Mitarbeiter der Deutschen Bahn ihren Arbeitsplatz, sondern es setzte sich auch Darmstadts leiser, fast unbemerkter Abschied von der Eisenbahn fort.

Seitdem die auf der Odenwaldbahn eingesetzten Loks über das ganze Bundesgebiet verteilt sind und das Bahnbetriebswerk geschlossen ist, bleiben nur noch Erinnerungen an 160 Jahre Eisenbahn- und Eisenbahnerstadt in Darmstadt.

Zum Beispiel an die berühmte Episode von der "Starrzion Darmstadt". Dem Darmstädter ist es im Sprachgebrauch eigen, das "R" entweder zu verschleifen oder ganz wegzulassen. Ortsfremde Reisende beschwerten sich Anfang 1900, dass die Bahnbeamten das "R" so undeutlich aussprechen würden. Also erließ die Bahnbehörde eine entsprechende Order: das "R" sollte besonders betont werden. Als nun wieder ein Zug aus Norddeutschland anhielt, rief der Bahnbeamte auf dem Bahnsteg mit voller Kehle "Starrzion Darmstadt" - wobei das "R" in Darmstadt kaum zu hören war.....

Wer erinnert sich noch heute daran, dass die Eisenbahn in den fünfziger Jahren der größte Arbeitgeber in Darmstadt war, und den Menschen nach zwei Weltkriegen Lohn und Brot gab?

Oder kennt noch jemand die Geschichte von dem Güterwagen (vielleicht waren es auch mehrere - es muss Ende der siebziger Jahre gewesen sein) der sich im Rangierbahnhof Kranichstein selbständig machte? Ein aufmerksamer Stellwerker am Darmstädter Nordbahnhof leitete den Wagen auf die Riedbahn Richtung Griesheim und verhinderte damals ein größeres Unglück. Der oder die Wagen zerstörte(n) in Griesheim am Ende der Strecke den Prellbock und ein Wohnhaus.

Auch zu Darmstadts Abschied von der Eisenbahn gehören die zahllosen, von der Deutschen Bahn gestrichenen, Fernverkehrsverbindungen. Wer erinnert sich noch an die Inter-Regio Karlsruhe - Darmstadt - Ruhrgebiet - Norden - Norddeich Mole, mit der man ohne Umsteigen bis nach Ostfriesland kam. In der Gegenrichtung führte der Zug teilweise Kurswagen in den Schwarzwald mit. Oder auch an die vielen D-Zug Linien, mit denen man über Nacht nach Frankreich, in die Schweiz, nach Holland oder nach Italien kam. Heute feiert DB Fernverkehr schon den einmal am Tag verkehrenden ICE nach Zürich als tolle Fernverkehrsleistung. Dabei hat dieser Zug in Stuttgart 22 Minuten Aufenthalt und fährt derzeit als IC mit Ersatzmaterial der Schweizer Bundesbahn...

Klaus Honold (Darmstädter Echo) schreibt:
Abschied von der Eisenbahn
Zehn Minuten vor der vollen Stunde. Da dreht man im Woogsviertel unwillkürlich den Kopf zum Fenster. Denn in diesem Augenblick startet am Ostbahnhof der Zug in den Odenwald, und wenn es nicht der (eigentlich langsamere) Triebwagen des „Schnellen Odenwälders“ ist, dann ist es ein Eisenbahnzug so wie seit 134 Jahren; vier oder fünf Wagen, in letzter Zeit geschoben von einer Diesellok der Baureihe 218, das ist das Beste und Stärkste, was die Deutsche Bundesbahn zu bieten hatte.Und das hört man. Da röhren 2500 PS auf, viel mehr als nötig, erst zaghaft, bis der Zug über die letzten Weichen an der B 26 hinweggeklappert ist, dann mächtig brummend die Steigung zur Lichtwiese und dann ab durch den Ostwald. Am Bahnübergang Kirchweg ist es schon ein Orgeln, das noch weit ins östliche Darmstadt zurückschallt: zehn Minuten vor der vollen Stunde.

Doch damit ist es bald vorbei – am 11. Dezember. Dann übernimmt das private Konsortium Vias den Betrieb. Gut 160 Jahre lang ist Darmstadt Eisenbahn- und Eisenbahnerstadt gewesen. 1846 erreichte die Main-Neckar-Bahn Frankfurt–Heidelberg das Residenzstädtchen; der erste Bahnhof stand am heutigen Steubenplatz. Doch Darmstadt war nie bloß Haltestelle: Von hier aus wurden Loks und Lokführer eingesetzt, hier wurden die Maschinen gewartet und repariert. Bis Anfang der fünfziger Jahre ist die Eisenbahn der größte Arbeitgeber in Darmstadt gewesen; mehr als fünftausend Menschen waren im Lokausbesserungswerk, im Wagenausbesserungswerk und im Bahnbetriebswerk beschäftigt.

Erst schloss das Lokwerk (heute Starkenburgkaserne). Vierzig Jahre später folgte das Wagenwerk – die „Knell“. Aus ihr hatte ein neues Stadtviertel werden sollen; es blieb die voreilige Vision des damaligen Oberbürgermeisters Peter Benz.Und nun ist das Bahnbetriebswerk dran, die Einsatzstelle der Dieselloks, die von hier aus in den Odenwald, in den Rodgau und in den Taunus wummern. Ihre Domäne war, seit 1970, die Strecke nach Erbach und Eberbach.

1871 wurde die Odenwaldbahn in Betrieb genommen. Eine Hauptstrecke mit Nebenbahncharakter – oder umgekehrt. Hundert Jahre lang fuhren auf ihr Dampflokomotiven, vor allem der Baureihen 38, 50, 56 und 65. Im ECHO kann man nachlesen, mit welcher Wehmut zur Jahreswende 1970/71 die letzten der stolzen schwarzen Riesen nach Aschaffenburg verabschiedet wurden. Darmstadt war „dampffrei“. Die Ablösung hieß V 100 – eine mittelgroße Diesellok, die sich die nächsten zwei Jahrzehnte lang die Arbeit mit den legendären Schienenbussen teilte. Die V 100 hatte ihren eigenen Charme, ein braves, unspektakuläres Arbeitspferd; die Schienenbusse waren vor allem bei Schülern beliebt, die dem Triebwagenführer über die Schulter gucken konnten und grinsten, wenn der am Höchster Buckel vergaß, die Handbremse zu lösen.

Als die V 100 verschlissen waren, rollten die stärkeren, jedoch andernorts schon ziemlich abgefahrenen Baureihen 216 und 215 ins Bahnbetriebswerk Darmstadt – und damit in den Odenwald. Ihre Pannen (wenn sie erschöpft am Krähberg liegen blieben) füllen ein eigenes Anekdotenbuch. Und so kam Darmstadt schließlich in den Genuss der Baureihe 218, die eigentlich für respektable Schnellzüge auf renommierten Strecken gedacht war, für den Westerland-Express nach Sylt etwa, oder den Bavaria-Express von München nach Zürich durchs Allgäu. Nun also: Brummen nach Wiebelsbach-Heubach, Mümling-Grumbach, Zell-Kirchbrombach. Dieser Dienst endet am 11. Dezember, und damit verlieren rund hundert Darmstädter ihren Arbeitsplatz: Lokführer, Schaffner, Werkstattarbeiter, Verwaltungsangestellte. Die Firma Vias bringt ihr eigenes Personal mit, und zur Wartung der 22 straßenbahnähnlichen Triebwagen, die sie nutzt, hat sie sich eine Werkstatt in Michelstadt gebaut.

Der Wechsel ist eine Folge der Bahnreform, die 1994 unter der Regierung Helmut Kohls Gesetz wurde – und den Zugang zum öffentlich finanzierten Streckennetz für private Betreiber ermöglichte. Vias erhielt den Zuschlag für zehn Jahre; sind die um, kommt vielleicht wieder ein neues Unternehmen zum Zuge, mit eigenem Personal und eigener Werkstatt. Beispiele dafür gibt es bereits. Die Darmstädter Lokführer sollen nun vor allem von Ludwigshafen aus in der Pfalz eingesetzt werde. Einige gehen in den Vorruhestand. In einer mit den Gewerkschaften ausgehandelten Betriebsvereinbarung verzichten die Weiterbeschäftigten auf einen Teil des Lohns, damit „möglichst viele Kollegen gehalten werden können“, wie die DB-Pressestelle in Frankfurt mitteilt. Die Darmstädter Lokomotiven werden über das ganze Bundesgebiet verteilt. Das alles geht nicht von heute auf morgen – „aber 2007 wird das Regio-Werk Darmstadt dann geschlossen“, das alte Betriebswerk nördlich vom Hauptbahnhof. Abschied von der Eisenbahn.

Stand: 15.02.2011

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